Hobbyzucht Feddersen

Vogelverrückt!?

Warum trägt dieser Beitrag den Titel „Vogelverrückt“? – Ich glaube, diese Bezeichnung ist zutreffend für mich. Wenn jemand sich 60 Jahre lang mit der Vogelzucht beschäftigt, muss er schon ziemlich „vogelverrückt“ sein. Wie es dazu kam und wie die Vögel mein Leben begleitet haben, davon möchte ich berichten.

Als kleiner Junge im Alter von fünf Jahren bekam ich von unserem Nachbarn (einem „Vogelverrückten“) einen Stieglitz geschenkt. Seit dieser Zeit ist der Stieglitz für mich der schönste hiesige Waldvogel. Nach einiger Zeit aber wollte der Nachbar den Vogel für seine eigene Zucht gern zurück haben und bot mir dafür 1,1 Wellensittiche an. Schweren Herzens stimmte ich zu.

Jetzt begann die Zucht mit Krummschnäbeln. Mein Vater baute eine Voliere von 100 x 50 x 50 cm, die im Kinderzimmer aufgebaut wurde. Die Wellensittiche begannen mit der Aufzucht ihrer Jungen. Es war eine Zumutung für meinen kleineren Bruder, der sich das Gepiepe auch nachts mit anhören musste. Da meine Zucht immer größer wurde, baute ich auf dem Stallboden eine Voliere. Um auf den Boden zu gelangen, musste man eine Leiter hinaufsteigen. Als ich dann einmal im Krankenhaus lag, versorgte mein Vater die Vögel. Dabei fiel er von der Leiter und quetschte und brach sich einige Rippen. Nun war es erst einmal vorbei mit meiner Vogelzucht– ich musste alles abschaffen. Von da an versuchte ich es mit Kaninchen, Meerschweinchen und weiteren Tieren. – Aber es waren leider keine Vögel!

Als ich später heiratete und meine Frau nichts gegen eine Voliere auf dem Kühlschrank einzuwenden hatte, wurde sofort eine angeschafft – allerdings doppelt so breit wie das Kühlmöbel! Hier freuten sich nun ein paar Exoten auf ihr neues Heim. Leider wurden meiner Frau das Gepiepe und die vielen nackten Jungtiere in der Wohnung dann doch ein bisschen viel. Jetzt wurden Außenvolieren gebaut. Allerdings noch demontierbar, da ich sie auf meiner Arbeitsstelle aufbauen musste, bei unserer Mietwohnung war es nicht genehmigt. Hier habe ich mit Nymphen-, Alexander- und Grassittichen begonnen. Über Jahre hinweg wurden schließlich auf eigenem Grund und Boden immer wieder Volieren auf- und umgebaut.

Während all der Zeit träumte ich davon, einmal die Heimat der australischen Vögel besuchen zu können. Es sollte kein Traum bleiben. Als ich 1986 in der Geflügelbörse die Anzeige von Sebastian Achhammer las – „Suche Mitreisende für eine Australientour!“ – entschloß ich mich, diese Reise mitzumachen. Ich habe es nie bereut. Was wir alles erlebt haben, war fantastisch! Die Freundschaften unter den Teilnehmern bestehen bis heute. Später folgten weitere Reisen nach Australien, wegen unseres fortgeschrittenen Alters aber im Wohnmobil statt im Reisebus und Zelt.

Ein weiterer Traum von mir war eine Volierenanlage, in der die Vögel ein wirklich großzügiges Zuhause bekommen sollten. Auch dieser Traum ging in Erfüllung. Als ich ins Rentenalter kam, begann die Suche nach einem Resthof in Alleinlage. Wir wollten keine Nachbarn mit den Lauten der Vögel stören und uns Ärger und womöglich Gerichtsprozesse ersparen. Es sollte ein Ort sein, an dem meine Frau, meine Vögel und ich uns richtig wohlfühlen können. Vier Jahre hat es gedauert, bis wir einen passenden Resthof mit 3 ha Land erwerben konnten. Noch einmal zwei Jahre sollte es dauern, bis alle behördlichen Genehmigungen erteilt waren, und zwei weitere Jahre gingen ins Land, bis die Einzäunung mit Anpflanzungen und Volieren errichtet waren und wir mit den Vögeln umziehen konnten. Alles entstand in Eigenleistung und unter Mithilfe von Freunden. Hier möchte ich besonders Wilhelm und Christel Frenger sowie Karl-Heinz Lambert erwähnen. Die Frengers haben zwei Jahre nacheinander im Sommer wochenlang Rost entfernt, Beton gemischt und viele weitere Arbeiten bei uns verrichtet. Für 270 Meter Fundamente wurden 70 m3 Kies per Mischmaschine in Handarbeit verarbeitet. Unter „Urlaub an der Nordseeküste“ stellt man sich eigentlich etwas anderes vor – wenn man nicht gerade so „vogelverrückt“ ist wie meine Freunde und ich. Um den Draht zu befestigen, wurden 15.000 Nieten benötigt. Karl-Heinz Lambert war der Fachmann für die Stahlarbeiten.

Die Gesamtfläche für die Außen- und Innenvolieren beträgt heute etwa 700 m2. Die 3 m hohen Volieren für die Aras haben Grundmaße von 12 x 4 m, 9 x 7 m, 12 x 8 m und drei Volieren messen 9 x 4 m. Die fünf Volieren für die Amazonen haben eine Grundfläche von 8 x 1,5 m. Die Innenvolieren sind mit 4 cm dicken Softplatten voneinander getrennt. Diese sind sehr leicht aufzustellen und aufgrund ihrer Metallbeschichtung werden sie von den Vögeln nicht zerstört. Die Vorderfronten sind mit Stahlrahmen und Viereckgeflecht angefertigt worden. Als Futtertische wurden Drehteller gebaut, was sich sehr gut bewährt hat. In meinen Volieren leben zurzeit Hellrote und Dunkelrote Aras, Edelpapageien, Amazonen und Kakadus.

Als weitere Baumaßnahme folgte eine große Freivoliere. Hierfür schaltete ich eine Anzeige im „Bauernblatt für Schleswig-Holstein“: „Suche Stahlkonstruktion für eine Halle“. Ich bekam sechs Angebote. Am besten geeignet schien mir ein Angebot in 40 km Entfernung, das auch noch sehr preiswert war. Die Konstruktion hat eine Breite von 10 m, eine Länge von 20 m und eine Höhe von 5,50 m. Beim Aufstellen halfen wieder Freunde und Nachbarn (mein nächster Nachbar wohnt wohlgemerkt über 1 km Luftlinie entfernt!). Bei der Bespannung mit Draht in 5m Höhe überkamen mich jedoch Angstgefühle. Es war wohl doch besser, die Voliere mit einem Netz zu versehen. Karl-Heinz Lambert legte Einspruch ein: „Eine solche Voliere braucht unbedingt ein Drahtgeflecht!“ Obwohl ich antwortete: „Dann krakselst Du da aber rauf und befestigst den Draht“, stimmte er sofort zu. Einige Zeit später kam er mit einem Gerüst und befestigte den Draht. Eine Giebelseite wurde als Windschutz mit Holz verkleidet. Hinter dieser Wand entstand auch das Schutzhaus mit 3 x 7 m Grundfläche für die Fütterung und als Witterungsschutz. An diesem Volierenende wurde auf 4m Breite ein Dach gezogen. Als Voliereneingang wurde eine Schleuse gebaut, um ein Entweichen der Vögel zu vermeiden.  Über die Erfahrungen mit dieser Voliere und ihrem Besatz zu berichten, würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, denn ich erlebte nicht nur Positives.

Zum Schluss meines Berichtes möchte ich noch von meinem neuesten Traum sprechen. In 60 Jahren Vogelzucht habe ich unglaublich viel Positives erlebt. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt und Freundschaften geschlossen. Wenn ich von Menschen enttäuscht wurde, hat mein Hobby „Vögel“ mich immer wieder aufgerichtet. Wenn es im Betrieb mal stressig wurde, ging ich zu den Vögeln und kam auf andere Gedanken. Was für ein Glück, dass meine Vogelzuchtanlage und mein Betrieb auf dem gleichen Grundstück waren!

Wenn ich aber heute erleben muss, wie die Jugend unserem Hobby immer mehr den Rücken kehrt, macht mich das traurig. Viele Kinder werden heute gar nicht mehr mit der lebendigen Tierwelt vertraut gemacht. Sie bekommen Plastikspielzeug und werden schon im Kindesalter zu Computerfreaks ausgebildet. Die Vereine klagen über schwindende Mitgliederzahlen. Kaum jemand ist noch bereit, in den Vereinen Verantwortung zu übernehmen, immer kleinere Gruppierungen werden gegründet, es wird darüber gestritten, wer die besten Ideen und Vorschläge hat. Da frage ich mich, wie soll es weitergehen mit dem Umgang mit Tieren? Mein Traum ist es, dass sich alle an einen Tisch setzen und das tun, was möglich ist, um das Beste für unsere Tiere zu erreichen! Es wird wohl noch lange dauern, bis das erreicht ist. Aber nur durch ehrliche Überzeugung werden wir zum Ziel kommen, Streit und Bürokratie sind da  nur hinderlich. Die Vogelverrückten sollten nicht aussterben!

Horst Feddersen

(Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Papageien" (Arndt-Verlag) in der Ausgabe 10/2009.) / Bilder: Eigene Bilder und Bilder von Karl-Heinz Lambert